

Mittelständler im Interview: Worauf kommt es bei Kooperationen an?
Thomas Kehrer, geschäftsführender Gesellschafter der Blaier GmbH aus Mössingen, über seine Erfahrungen mit Startups und welche Schlüsse er daraus zieht.
Inhalt
Interview
Herr Kehrer, schön, dass Sie sich Zeit für uns nehmen! Sie sind geschäftsführender Gesellschafter der Blaier GmbH aus Mössingen. Können Sie uns kurz vorstellen, was die Blaier GmbH macht?
Thomas Kehrer: Wir sind ein 1995 gegründeter Präzisionsteilefertiger mit ca. 25 Mitarbeitern und haben uns auf individuelle Kundenwünsche rund um den Maschinenbau spezialisiert. Wir bieten u. a. Vorrichtungsbau, Präzisionsteilefertigung, Herstellung mechanischer Baugruppen sowie Baugruppen für Maschinenbau und Automatisierungstechnik, Konstruktion und Laserbeschriftung an.
Sie interessieren sich sehr für innovative Lösungen und sind seit vielen Jahren regelmäßig mit verschiedenen Startups im Austausch. Was steht einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit Startups aus Ihrer Erfahrung am häufigsten im Weg?
Thomas Kehrer: Grundsätzlich fehlt oft der gemeinsame Nenner. Auf der einen Seite haben Startups meist eine Problemlösung, die auf dem Papier blendend funktioniert. Oft stehen dem aber Probleme im Weg, die junge Gründer so nicht auf dem Schirm haben und auch gar nicht haben können. Ich kann in einem CNC-Maschinenpark zwar mit einer Machine-Learning-Lösung enorme Kosten sparen und Prozesse optimieren. Ich muss aber auch einen erfahrenen Mitarbeiter dazu bringen, das zu implementieren und sich mehr oder weniger seinen eigenen Job wegzunehmen. Dazu kommt noch, dass ein 60-jähriger CNC-Fräser, der seit 40 Jahren CNC-Maschinen programmiert, sich das nicht mehr aneignen wird.
Auf der anderen Seite könnte man rein wirtschaftlich denken, diese Lösung durchdrücken und 30 % der Mitarbeiter in der Fertigung einsparen. Das funktioniert aber in kleinen und mittleren Unternehmen nicht. Denn diese Unternehmen funktionieren überwiegend mit den Vorteilen des familiären Betriebsklimas und der individuellen Sichtbarkeit der jeweiligen Mitarbeiter. Wenn du hier gegen den Widerstand der Belegschaft agierst, dann arbeiten die restlichen 70 % gegen dich. Es wird auch kein Mittelständler den frischgebackenen Familienvater, der gerade ein Haus baut, einfach so durch eine KI-Lösung ersetzen. Ein anderes Beispiel sind KI-Stimmen am Telefon. Da verliert man als Mittelständler schnell Kunden.
Konnten Sie dennoch in der Vergangenheit mit Startups zusammenarbeiten? Wenn ja, wie waren Ihre Erfahrungen?
Thomas Kehrer: Ja, sehr häufig sogar. Ich habe auch Startups als Kunden und diese Geschäftsbeziehungen funktionieren reibungslos. Herausfordernd wird es da, wo tatsächlich eine dauerhafte Zusammenarbeit auf die Beine gestellt werden soll. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass z. B. die Einführung von Softwarelösungen nie so einfach ist wie angenommen. Die granularen Probleme treten erst auf, wenn die tatsächliche Implementierung ansteht. Es gibt immer eine interne Problematik, die ein Startup nicht auf dem Schirm hat. Das ist im Grunde kein Problem, der Prozess wird dann aber langwieriger, der Kostenaufwand höher und oft dauert es eine lange Zeit, bis alles abgestimmt ist und funktioniert. Die Lust, die Zeit und das Kapital dafür muss man haben. Aktuell hat der Mittelstand viele andere Probleme, aber aus meiner Sicht bietet sich eine sinnvolle und zielgerichtete Zusammenarbeit mit Startups genau hier an, um neuen Input und unter Umständen auch eine neue Sichtweise zu bekommen. Die Projekte müssen halt einfach passen.
Was sind aus Ihrer Sicht weitere Gründe, warum eine Kooperation mit einem Startup am Ende nicht zustande kommt?
Thomas Kehrer: Auch die Mentalität und die Sprache sind oft problematisch. Viele Mittelständler haben das "halt früher schon so gemacht". Alte Strukturen und das Festhalten an bewährten Methoden bremsen neue Denkweisen oft aus. Dagegen anzukommen ist bereits sehr schwer. Weder weiß im Mittelstand jemand, was ein "Fullstack Agentic AI Developer" oder "Cloud-Based Tokenization" sein soll, noch findet er das in fünf Minuten Google-Recherche heraus. Da kann der potenzielle Mehrwert am Ende noch so groß sein, den wird hier niemand erkennen. Wenn der über 60-jährige Geschäftsführer auf eine Homepage geht, auf der sich beim Scrollen alles dreht, und er keinen Satz ohne englische Wörter sieht, war's das mit der Zusammenarbeit in den meisten Fällen. Auch im allgemeinen Auftritt unterscheiden sich Startups und etablierte Unternehmen enorm. Ich durfte einmal beobachten, wie ein Anfang 20-Jähriger mit MacBook und Kopfhörer im Ohr einem 70-jährigen Geschäftsführer erklärt hat, was er eigentlich alles falsch macht in seinem Unternehmen. Das funktioniert so natürlich nicht.
Was würden Sie Startups mit auf den Weg geben, damit eine Zusammenarbeit mit Mittelständlern gelingt?
Thomas Kehrer: Die Bedürfnisse des Mittelstandes zu kennen und zu wissen, wo die Probleme liegen. Der Mittelstand ist auf Führungsebene überwiegend noch von der alten Schule. Der Altersdurchschnitt von Geschäftsführern und Inhabern kleiner und mittlerer Unternehmen in Deutschland liegt bei über 54 Jahren. Knapp 40 % sind bereits über 60 Jahre alt. Das macht es definitiv schwieriger. Aber der Wandel kommt gerade und die nächste Generation Geschäftsführer ist im Normalfall sehr viel empfänglicher für Innovation. Die Innovation bewegt sich aber momentan schneller als der Mittelstand. Viele Startups lösen Probleme, die im Mittelstand noch gar nicht auftreten, weil die Innovation noch nicht so weit ist. Diese Lücke muss vorher geschlossen werden und das braucht noch etwas Zeit.
Aus diesem Grund ist eine klare Kommunikation über die jeweilige Erwartungshaltung notwendig. Wenn dies beherzigt wird, kann die Zusammenarbeit mit Startups einen - meiner Meinung nach vor allem aktuell notwendigen - Innovationsschub geben und dem eigenen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil liefern. Ich bin überzeugt, dass die Kooperation zwischen Mittelstand und Startups für die Zukunftsfähigkeit vieler Mittelständler entscheidend sein kann, und stehe Zusammenarbeiten weiterhin sehr offen gegenüber.
Erwähnte Organisationen

Mössingen, Germany
1995
BLAIER GmbH
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